„Weihnachten im Zeitalter der Kulturindustrie“

Kritische Theorie als Erkenntnistheorie (sehr kurz)
Die Kritische Theorie versteht Erkenntnis nicht als neutral, sondern als gesellschaftlich geprägt.
Erkennen heißt Kritik: aufdecken, wie Macht, Ideologie und Herrschaft unser Denken, Fühlen und Handeln formen.
Wahrheit zeigt sich vor allem darin, was falsch läuft – in Leid, Widersprüchen und Unfreiheit.
Ein fiktives Gespräch mit Theodor W. Adorno und Max Horkheimer
Interviewer: Meine Herren, Weihnachten gilt als Fest der Großzügigkeit und der Menschlichkeit. Zugleich ist es eines der konsumintensivsten Ereignisse des Jahres. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?
Horkheimer: Es handelt sich weniger um einen Widerspruch als um eine Konsequenz. In Zur Kritik der instrumentellen Vernunft habe ich gezeigt, dass Vernunft in der modernen Gesellschaft primär als Mittel zur Zweckverwirklichung fungiert. Weihnachten wird unter dieser Logik organisiert wie ein Produktionsprozess: planbar, effizient, wiederholbar. Dass dabei Gefühle mobilisiert werden, ist kein Gegenargument, sondern Teil derselben Rationalität.
Adorno: Ergänzend würde ich sagen: Die Gefühle selbst sind bereits vorgeformt. In den Minima Moralia spreche ich vom „beschädigten Leben“. Weihnachten ist einer jener Momente, in denen das Beschädigte sich als Heil ausgibt. Man soll fühlen, was vorgesehen ist. Die Sentimentalität ist nicht spontan, sie ist normiert.
Interviewer: Sie sprechen beide von Normierung. Wie äußert sich diese konkret im Schenken?
Adorno: Das Schenken ist vielleicht das deutlichste Beispiel. Einst eine Geste der Freiheit, ist es heute ein sozialer Imperativ. Man schenkt nicht, um zu geben, sondern um nicht zu fehlen. In den Minima Moralia notiere ich sinngemäß, dass Geschenke ihre Unschuld verloren haben, weil sie dem Tauschprinzip unterliegen. Das Geschenk wird zur Ware mit moralischem Mehrwert.
Horkheimer: Und dieser Mehrwert ist funktional. Das Schenken stabilisiert soziale Bindungen, ohne die gesellschaftlichen Ursachen von Kälte und Konkurrenz anzutasten. Moralische Gesten ersetzen keine Veränderung der Verhältnisse. Im Gegenteil: Sie kompensieren sie. Weihnachten ist ein moralisches Ventil innerhalb eines unmoralischen Ganzen.
Interviewer: Bedeutet das, dass Moral selbst problematisch wird?
Horkheimer: Moral wird problematisch, wenn sie sich von Emanzipation ablöst. Nächstenliebe, Großzügigkeit, Fürsorge – all das sind Begriffe, die im Weihnachtsdiskurs inflationär gebraucht werden. Aber sie bleiben abstrakt, solange sie nicht auf gesellschaftliche Praxis zielen. Instrumentelle Vernunft duldet Moral, solange sie die Ordnung nicht gefährdet.
Adorno: Genau hier setzt meine Skepsis an. Moral, die sich im Ritual erschöpft, wird zur Ideologie. Sie erzeugt das Gefühl, man habe bereits das Richtige getan. In Wahrheit aber bleibt alles beim Alten. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ – dieser Satz gilt auch für das gute Gewissen nach dem Schenken.
Interviewer: Welche Rolle spielt dabei die Kulturindustrie?
Horkheimer: Die Kulturindustrie ist das verbindende Medium. Sie organisiert nicht nur Unterhaltung, sondern Lebensformen. Weihnachten wird medial inszeniert, emotional aufgeladen und ökonomisch verwertet. Die immer gleichen Bilder, Lieder und Erzählungen erzeugen Vertrautheit – und verhindern Distanz.
Adorno: Die Kulturindustrie liefert die Gefühle gleich mit. Man muss sie nicht mehr selbst hervorbringen. Freude, Rührung, Nostalgie – alles ist verfügbar. Gerade dadurch verlieren diese Gefühle ihre Wahrheit. Sie werden konsumiert wie Waren. Der Weihnachtsmann ist hierfür eine exemplarische Figur: freundlich, allgegenwärtig, moralisch eindeutig. Er verlangt nichts als Anpassung.
Interviewer: Sie erwähnen den Weihnachtsmann. Ist er für Sie mehr als eine harmlose Kinderfigur?
Adorno: Harmlosigkeit ist seine Funktion. Er ist die Personifikation eines moralischen Automatismus: Wer brav ist, wird belohnt. Wer nicht, geht leer aus. Das ist Pädagogik im Sinne der Kulturindustrie – Erziehung zur Konformität.
Horkheimer: Zudem entpolitisiert er Moral. Gutsein wird zur individuellen Eigenschaft, nicht zur Frage gesellschaftlicher Zustände. Der Weihnachtsmann verteilt Geschenke, aber keine Gerechtigkeit.
Interviewer: Gibt es unter diesen Bedingungen noch Hoffnung auf ein anderes Weihnachten?
Adorno: Hoffnung, wenn überhaupt, liegt im Bruch. In der Verweigerung des Erwartbaren. In einer Geste, die sich dem Markt entzieht, die nicht terminiert, nicht berechnet, nicht ausgestellt wird. Doch selbst diese Hoffnung ist prekär.
Horkheimer: Ich würde hinzufügen: Ohne gesellschaftliche Veränderung bleibt jede Hoffnung partikular. Weihnachten kann kein Ort der Erlösung sein, solange es Teil eines Systems bleibt, das Erlösung systematisch verhindert.
Adorno: Vielleicht ist das einzig Wahrhaftige an Weihnachten die leise Ahnung, dass es so, wie es ist, nicht sein sollte.
Primärtexte (Bezugspunkte)
Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, 1951
Max Horkheimer / Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, 1947
Max Horkheimer: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, 1947
1. „Weihnachten ist weniger ein Fest der Nächstenliebe als ein Ritual zur Stabilisierung bestehender Verhältnisse.“
Nennen Sie entweder ein Argument dafür und dagegen. Werfen Sie den Redeball anschließend weiter. Der Nachfolger muss Ihnen begründet Zustimmen oder Wiedersprechen und seinerseits/ihrerseits ein Argument hinzufügen.
2. Gibt es, im Sinne Adornos und Horkheimers, eine Form des Schenkens, die sich dem Tausch- und Konsumprinzip entzieht?
Oder ist jede Gabe im Spätkapitalismus bereits korrumpiert?
3. Kreative Transformation – (Wahlaufgabe): Philosophie in anderer Form (Wählen Sie eine der folgenden Aufgaben)
A1: Innerer Monolog eines Geschenks: Schreiben Sie einen inneren Monolog eines Weihnachtsgeschenks, das sich seiner Rolle im Konsumritual bewusst wird. Beziehen Sie implizit mindestens zwei Gedanken aus dem Gespräch ein (z. B. Pflicht, Tausch, Gefühl, Markt).
A2: Dialog „Kind vs. Kritische Theorie“: Gestalten Sie einen kurzen Dialog zwischen:
- einem Kind, das an den Weihnachtsmann glaubt
- und Adorno oder Horkheimer
Ziel ist keine Belehrung, sondern ein Spannungsverhältnis zwischen Hoffnung und Kritik.
A3: Modernes Gleichnis: Verfassen Sie ein kurzes Gleichnis (½–1 Seite), die zeigt, wie ein eigentlich menschlicher Wert durch Konsum verfremdet wird.
4. Blitzlichtrunde
„Vielleicht ist das einzig Wahrhaftige an Weihnachten die Ahnung, dass es so, wie es ist, nicht sein sollte.“
(nach Adorno)
Kurze Blitzrunde (Zustimmung / Ablehnung / Unentschieden + jeweils ein philosophischer Grund)
